Er schaute in den Regen hinaus. Ein heller Blitz erleuchtete
für kurze Zeit die sternenklare Nacht. Früher hatte er dieses
Wetter geliebt. Er war immer mit ihr spazierengegangen, unter ihrem Regenschirm
mit den weißen Häschen drauf und sie hatte sich an ihn geschmiegt,
damit sie genügend Platz unter dem Schirm hätten, wie sie sagte.
In Wirklichkeit hatte sie sich gefürchtet. Er hatte gespürt wie
ihr zarter Körper zitterte und sie sich fester an ihn gedrückt
hatte. „Usako....“ in seinen Augen lag ein tiefer Schmerz. Sie war immer
so wunderschön gewesen, so vollkommen, so sinnlich und doch so voller
kindlicher Unschuld. Eine Schönheit, die rein und ungetrübt war.
Langsam machte er sich auf den Weg. Schon als er sie zum ersten Mal gesehen
hatte, wusste er, dass sie füreinander bestimmt waren. Ihre lebenslustige
Art, ihre Herzlichkeit und nicht zuletzt ihre unerschütterliche Liebe
zu ihm hatten ihn gefangengenommen. Er liebte sie und hätte alles
für sie gegeben. Aber jetzt war es zu spät... Er nahm seine Umgebung
nicht wahr, als er scheinbar ziellos durch die Straßen zog.
Es war ein ganz normaler Tag gewesen. Wie immer trafen
sie sich am Nachmittag und sie lief ihm wie immer freudestrahlend in die
Arme und küsste ihn stürmisch. Aber doch....etwas war anders
gewesen. Da war plötzlich etwas in ihm gewesen, was sie nicht vergöttert
hatte, wie der Rest von ihm. Er wusste nicht, was in ihn gefahren war,
als er ihr plötzlich sagte sie sei noch so furchtbar kindisch. Sie
sei doch schon 17 und benehme sich immer noch wie ein kleines Kind. Schon
da hatte es verdächtig in ihren wunderschönen Augen geschimmert,
die so blau waren wie das Meer. „Mamo-chan“ , sagte sie mit ihrer sanften
Stimme, „was ist mit dir?“ Sie hatte sich ihm zaghaft genähert, um
in ihn die Arme zu schließen. Aber nein es war nicht genug gewesen...Der
Teil von ihm, den er so sehr verabscheute, hatte die Überhand gewonnen.
„Ich liebe dich nicht!“ stieß die dunkle Seite in ihm hervor und
schubste sie, seine geliebte Usako, zurück. Mit einem merkwürdigen
Ausdruck in den Augen, der jenseits von allem Schmerz lagen, sah sie ihn
an. „Mamo-chan....“ flüsterte sie. Der Lebensmut schien ihr zu entweichen
und ebenso der Glanz in ihren Augen, den er immer so sehr geliebt hatte.
Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, die ihr in Strömen
über das zarte Gesicht gelaufen waren. Dann hatte sie sich plötzlich
von ihm abgewandt und war losgelaufen, direkt auf die Straße zu.
Er hatte noch gesehen wie ein roter Sportwagen ihre zierliche Gestalt quer
über die Straße schleuderte. Da war etwas in ihm zerbrochen.
„USAKO!!!!!!! NEEEEEEIIIIIN!!“ In unbändigem Schmerz war er zu ihr
hingelaufen, in dem Wissen, dass das Böse, was von jeher in ihm herrschte
endgültig besiegt war. Aber es war zu spät gewesen. Er hatte
ihre Hand genommen und sie voller Zärtlichkeit und Sanftheit in die
Arme genommen, so als hätte er Angst sie zu zerbrechen. Ihr Körper
war noch warm gewesen und es schien ihm, als ob sie sich an ihn schmiegte,
wie sie es sonst immer getan hatte. „Mamo-chan....!“ Sie hatte leise gesprochen
und er hatte Mühe gehabt sie zu verstehen. „Du bist bei mir“, seufzte
sie selig, „versprich mir, dass du mich nicht mehr alleine lässt.
Nicht jetzt. Bitte....“ „Usako...nein“, schluchzte er, „bitte verlass mich
nicht. Ich brauche dich. Ich liebe dich so sehr!“ „Mamo-chan....ich....“,
sie hatte Mühe gehabt zu sprechen, „ich liebe dich.......“ Dann war
es still geworden und alles hatte für ihn an Bedeutung verloren. Sie
war der Sinn seines Lebens gewesen. Nur für sie und ihre Liebe hatte
er noch gelebt. Außer ihr hatte er nichts...sie war das Einzigste,
was ihn am Leben gehalten hatte. Und sie hatte ihn glücklich gemacht.
In jeder Minute, nein jeder Sekunde, die er mit ihr zusammen gewesen war,
hatte sie ihn glücklich gemacht. Nur durch ihre Anwesenheit, ein Lächeln,
was sie noch schöner machte oder einfach der kleinen Gesten, die sie
ihm immer entgegengebracht hatte und die ihm täglich gezeigt hatten,
wie sehr sie ihn geliebt hatte. Goldenes Haar hatte ihr Gesicht umrahmt,
was sie noch engelsgleicher machte. Ein Rinnsal roten Blutes war auf den
Asphalt getropft. Als der Krankenwagen gekommen war, hatte er sich geweigert
sie loszulassen. Er wollte...er konnte nicht begreifen, dass sie tot sein
sollte. Dass man sie für immer von ihm genommen habe. Mit ihr starb
auch seine Seele und seine Lust aufs Leben, die er erst durch sie erlernt
hatte, war erloschen wie eine Kerze im Wind. Plötzlich und doch unwiderufbar.
Er würde nie eine andere als seine Usako lieben können. Und allein
er war schuld daran gewesen. Er hatte sich nicht gegen die dunkle Seite
in ihm gewehrt und hatte sie damit umgebracht.
Es war kalt draußen geworden und noch immer regnete
es in Strömen. An dem Tag ihrer Beerdigung war es schön gewesen.
Aber das warme Sonnenlicht war ihm falsch vorgekommen. Seine Sonne war
für immer erloschen. Er war erst gekommen, als alle anderen den Friedhof
schon lange verlassen hatten. Das Grab war schon verschlossen. Aber es
war ihm lieber so gewesen. Seine Usako leblos daliegen zu sehen hätte
er nicht ertragen. Sie war doch immer so voller Leben gewesen. Es war nicht
fair, dass ausgerechnet sie sterben musste. Seid sie von ihm gegangen war,
hatte er nichts mehr empfunden außer dem Schmerz. Wieder schien eine
Woge ihn zu überrollen und er sank auf den Boden. Rote Rosen hatte
sie immer am liebsten gemocht. Liebevoll in einem riesigen Kranz hatte
er Dutzende davon zusammengebunden und legte sie nun auf ihr Grab. Tränen
rannen ihm über das Gesicht. „Usako du fehlst mir so!“ Er wusste,
was er zu tun hatte. Schon in dem Moment ihres Todes war es ihm klargeworden...
Langsam näherte er sich der Küste. Der Wind
spielte in seinen rabenschwarzen Haare, so dass sie ihm wild ins Gesicht
flatterten. Er trat näher. Gischt spritze und das Meer klatsche in
großen Wellen an die Felsen. Hier war ihr Lieblingsplatz gewesen.
Oft hatten sie hier gesessen und sich zärtliche Wörter zugeflüstert.
Er hatte sie in den Armen gehalten und sie hatte sich geborgen gefühlt.
Er wurde plötzlich ganz ruhig. Er hatte keine Angst. Mit Usaki war
alles gegangen, was er geliebt hatte. Er schaute in den Himmel, um ein
letztes Mal die Sonne aufgehen zu sehen. „Oh Usako....bald werde ich bei
dir sein!“ Er schloss die Augen und tat den einen entscheidenden Schritt.
Als er stürzte galt sein letzter Gedanke Usagi. Es war als würde
sie ihn anlächeln. Er sah sie deutlich vor sich. Ohne Probleme hätte
er sie beschreiben können. Dann wurde alles dunkel...
ENDE
Von: NKaetzchen